Joe Brady

Offensive Coordinator, Carolina Panthers

Joe Brady ist schon seit einigen Wochen als „Wildcard“ im Coachingkarussell aufgetaucht. Der Offensive Coordinator der Carolina Panthers ist am 23. September 1989 geboren und damit sechs Jahre jünger als Frank Gore. 

Es wird einige Spieler geben, die älter sind als er und allein das schreckt manche ab. Doch seine jüngsten Erfolge sind beeindruckend. Er war so gut, dass Matt Rhule ihn letztes Jahr als Offensive Coordinator in die Liga brachte. Doch wer ist Brady? Und hat er eine Chance auf den Head Coach Posten bei den New York Jets nach seinem Interview am vergangenen Wochenende?

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Laufbahn

Brady war als Spieler in der drittklassigen Williams & Mary Universität in Virginia als Wide Receiver aktiv. Er kam in dieser Zeit quasi nie zum Zug und fing nur eine einstellige Anzahl an Bällen.

Direkt nach seinem Abschluss blieb er an der Schule und coachte dort die Linebacker in 2013 und 2014. Um seinen Horizont zu erweitern arbeitete er 2015 und 2016 als „Graduate Assistant“ an der Penn State University für die Nittany Lions. Ein Graduate Assistant ist in etwa gleichbedeutend mit einem Praktikum.

Nach diesen beiden Jahren rief ein gewisser Sean Payton an und verpflichtete Joe Brady mit nur 28 Jahren auf dem Buckel für die New Orleans Saints als Offensive Assistant. Man muss schon einiges als Praktikant eines Collegeteams leisten, um sich in diesen Focus zu spielen. Oft sind es Beziehungen, aber alle familiären Verbindungen, die er in die Welt des Pro Football hat sind die, dass seine Mutter mal Cheerleader für die Miami Dolphins war. Also muss die Qualität entscheidend gewesen sein.

Nach zwei Jahren in New Orleans erkannte LSU Head Coach Ed Orgeron seine Qualitäten und lockte ihn vor der Saison 2019 als Wide Receivers Coach und Passing Game Coordinator zu den LSU Tigers, die im nur eine Autostunde entfernten Baton Rouge spielen. 

Nach einem sensationellen Jahr erkannte Baylor HC Matt Rhule die Qualität des zu dem Zeitpunkt 30-jährigen Brady und verpflichtete ihn direkt als Offensive Coordinator, nachdem Rhule den Job in Carolina bei den Panthers annahm.

Die vergangene Saison war seine erste als Coordinator in der NFL. 
Und nun könnte bereits der nächste Sprung anstehen, denn die Jets waren nicht das einzige Team, das ihn für den offenen Job als Head Coach anhören wollte.

Erfolge

Brady hat bereits zu diesem frühen Zeitpunkt in seiner Karriere einiges vorzuweisen.
Auch wenn nicht genau bekannt ist, wie seine Rolle als Assistent der Offense 2017/2018 in New Orleans war, gewannen die Saints in beiden Jahren die NFC South und beendeten ihre Statistiken über diese beiden Jahre kombiniert als sechstbeste Offense mit den drittmeisten Punkten.

2019, als er in LSU das Passspiel koordinieren sollte und die Wide Receiver coachte, kam ein gewisser Joe Burrow als Quarterback auf den Plan. Dieser kam gerade als Transfer zu den Tigers und galt vor der Saison maximal als Late Round Pick – wenn nicht sogar als undrafted QB. Und die Wide Receiver hießen Justin Jefferson (die NFL Rookiesensation 2020 der Minnesota Vikings) und Ja’Marr Chase (prognostizierter Top 10 Pick im anstehenden Draft trotz 2020er Opt Out).

Brady wird als das Mastermind hinter QB Joe Burrow gesehen. 2018 war die LSU Offense noch Platz 38 in der FBS und durch Brady und Burrow konnte man fast 600 Yards pro Spiel auflegen, die Nr. 1 Offense der Nation werden und Joe Burrow wurde zum First Overall Pick. Nachdem Brady nach Carolina ging und Burrow gedraftet wurde, fiel die LSU Offense zurück auf Platz 35.

Und nach nur einem Jahr gleich Coordinator in der NFL? Der Sprung schien schon sehr hoch. Doch wenn mit Matt Rhule ein Programbuilder in einer rebuilding Franchise wie Carolina ruft, dann sagt man nicht nein. Das riskante Projekt zahlte sich aus.

Man hatte mit Teddy Bridgewater einen Stop Gap Quarterback und einen sensationellen RB in Christian McCaffrey. Dieser fiel allerdings quasi die gante Saison aus und so war die Offense neben WR DJ Moore und WR Curtis Samuel eher ein Flickenteppich und musste nach dem Weggang von Cam Newton generalüberholt werden. Dass Carolina dieses Jahr 5-11 steht ist respektabel. Man befindet sich im Rebuild und mit den Saints und Buccaneers in einer Division.

Dennoch holte er das Maximale aus seinen Spielern heraus. Gleich vier Spieler (non QBs) erreichten die individuelle Marke von 1.000+ Yards: der ehemalige undrafted Jet und Free Agency Pickup Robby Anderson, der Backup RB Mike Davis sowie die zuvor inkonstanten WR Curtis Samuel und DJ Moore. Beeindruckend. 

Teddy Bridgewater knackte sogar fast die 4000 Passing Yards.

Philosophie

Ein guter Coordinator macht nicht immer gleich einen guten Head Coach, aber der kometenhafte Aufstieg von Joe Brady – und das ohne als Spieler oder durch Beziehungen auch nur in der Nähe vom Pro Football zu sein – lässt mehr als nur aufhorchen.

Wo Brady ist, da ist sportlicher Erfolg. 

Er ist ein Pass-First Coordinator und passt seine Schemes von Woche zu Woche dem anstehenden Gegner an. Auch schneidet er sein System auf die Stärken des zur Verfügung stehenden Personals zu – wie man an den individuellen Leistungen der Panthers Offense 2020 erkennen kann. Ihm stand weniger Talent als bei LSU zur Verfügung und seine Unit spielte trotz der Gegebenheiten über dem eigentlichen Talentlevel.
Insbesondere Curtis Samuel ist hier zu nennen, der als nomineller Wide Receiver häufig als Runningback eingesetzt wurde und als gefährliche Waffe vom Gegner beachtet werden musste.

Joe Brady ist ein Footballnerd durch und durch. Seine gesamte Freizeit besteht aus Football. Bei LSU sagte er, dass er jeden Mittwoch alle Touchdowns der Vorwoche in der NFL per Film anschaute und einige Plays in der Folgewoche selbst einsetzte, was immer wieder zu eigenen Touchdowns führte.
Er ist kein Coach, der stumpf sein eigenes System als das Nonplusultra sieht, sondern er äußerte schon oft, dass er sich auch Plays von anderen Coaches abschaut und selbst modifiziert.

Über seine Leadership Skills ist wenig bekannt, aber es gibt zumindest keine negativen Erkenntnisse.

Seinen Umgang mit Spielern hat er von James Franklin (Penn State), Sean Payton, Ed Orgeron (LSU) und Matt Rhule gelernt. Es gibt bestimmt schlechtere Lehrer.

Fazit

Brady ist der perfekte Kandidat für eine Aufbruchstimmung. Er ist jung, sehr erfolgreich und grundsympathisch. Dass er mit der geringen Anzahl an Erfahrung bereits so wahrgenommen wird, dass er zu Head Coach Interviews eingeladen wird ist bemerkenswert. Er macht die Spieler, für die er verantwortlich ist, besser und nutzt deren Skillset in Perfektion. Von Justin Jefferson, Ja’Marr Chase, Joe Burrow über Robby Anderson, Teddy Bridgewater und Curtis Samuel zeigte Brady, dass er neben Top Talenten auch die 1b Kandidaten zu Höchstleistungen pushen kann. 

In beiden Teams gab es disziplinarisch keine Probleme.
Brady wäre der zweitjüngste Head Coach in der NFL Geschichte (Sean McVay war 30) und würde das Excitement Level enorm in die Höhe schnellen lassen.

ABER:
Seine Vernetzung in Ligakreisen ist naturgemäß noch relativ gering.
Kann Brady einen schlagkräftigen Staff mitbringen, Aufgaben delegieren und langjährige Coaches überzeugen, in einer ihm untergeordneten Rolle zu arbeiten?

Die berechtigte Frage nach dem großen Leader könnte der Stolperstein sein, der Brady nicht zum Head Coach der Jets machen könnte. Das heißt nicht, dass er kein Leader ist, aber die Referenzen dazu halten sich in Grenzen.

Er wäre der Chef des Ganzen und seine Coachingkollegen im Staff wären nahezu alle in einem höheren Lebensalter als er. Sogar Spieler wären teilweise älter als er.
Dies führt zu der Frage, ob er sich den entsprechenden Respekt im Lockerroom und in der Organisation selbst erst erarbeiten muss oder eine natürliche Autorität besitzt, die allein durch seine Anwesenheit schon zu Respekt führt.

Die moderne NFL ist bereit für junge, innovative Coaches. 
Wenn Brady Joe Douglas im Interview von sich und seiner Gesamtvision für das Team überzeugen konnte, dann wäre er ein Kandidat mit dem Upside eines Sean McVay – sicherlich eine Phrase, die man bei jungen Coaches oft hört, aber hier ist der Vergleich definitiv angebracht.

Ich denke, dass Joe Brady eher ein Longshot ist und er eher 2022 einen Posten als Head Coach in der NFL bekommen könnte.
Aber sollte er alle namhaften Kandidaten der Jets ausstechen und den Posten erhalten, wäre mein persönliches Hypelevel in neuen Sphären.

Basti