Warum Mekhi Bectons Leistung so beeindruckend ist

von Matthias W.

“Defensive and offensive lineman control the game and true sports fans know that.”

Dante Hall

Der folgende Text richtet sich eher an Football – Einsteiger oder LeserInnen, die sich nicht allzu intensiv mit O-Line-Play auseinandersetzen, denn ich versuche in einfachen Worten zu erklären, warum die bisherige Leistung unseres 1st Round Rookies Mekhi Becton so beeindruckend ist. Das heißt, dass das O-Line-Play ziemlich vereinfacht und komprimiert beschrieben wird, falls du also absoluter O-Line Nerd bist oder selbst deine Knochen in der O-Line hinhältst, bitte ich dich die vereinfachte Darstellung zu entschuldigen. Mir ist bewusst, dass noch deutlich mehr dahintersteckt. Ich habe selbst vier Jahre American Football als Left Guard in der Jugend einer Mannschaft in Süddeutschland gespielt und werde versuchen, durch eigene Beispiele das O-Line-Play für Laien verständlich zu machen. Ich werde nicht großartig auf den Werdegang von Mekhi Becton eingehen, dafür sei euch der super Artikel von Marvin in der Serie „Spotlight“ Woche 11 empfohlen: https://ganggreengermany.com/spotlight-week-11/

Zuerst sollten wir betrachten was wir von Mekhi Becton erwarten konnten. Was man erwarten konnte war dominantes Run-Play von Mekhi.

Hat er das erfüllt? Ja, in vollem Maße, denn er dominiert Gegner von Woche zu Woche in jedem Run-Play. Das ist auch der Grund, warum er im Fan-Vote für den Pro-Bowl zurzeit auf Platz 1 steht. Er liefert Highlight Plays en masse. Eines von vielen Beispielen:

Aber warum war das zu erwarten? Zum einen hängt das mit dem offensiven Scheme, also der Taktik seines Colleges, Louisville, zusammen. Darauf möchte ich aber nicht großartig eingehen (weil ich mich da ehrlich gesagt auch nicht gut genug auskenne). Aber man kann pauschalisieren, dass er das schon öfter gemacht hat und sich somit in vertrautem Territorium befindet.
 Zum anderen hat das aber mit einfacher Physik zu tun: Kraft ist Masse mal Beschleunigung und beim Run-Blocking bewegt man seine Masse aktiv nach vorne und versucht seine direkten Gegenspieler aus dem Weg zu schieben.
Ich selbst hatte oftmals meine Probleme mit dem Run-Blocking. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich ca. 95 kg und war damit selten schwerer als meine direkten Gegenspieler. Das bedeutet, es fiel mir schwer, meine Gegenspieler aus dem Weg zu schieben oder ich wurde im schlechtesten Fall selbst in die Run Lane (der Laufweg des Running Backs) geschoben. Mein Mitspieler auf Center war über zwei Meter groß und wog (geschätzt) 110 Kilogramm. Er war wirklich ein „man among boys“, dominierte seine Gegenspieler nach Belieben und blockte viele gute Running Lanes frei. Die Brücke zu Mekhi Becton zu schlagen fällt nicht wirklich schwer, da es sich sehr ähnlich – nur auf einem viel höherem Level – verhält. Mekhi Becton wiegt ca. 165 Kilogramm und ist 2,01 m groß, zusätzlich lief er die 40 Yards bei der Combine in 5,10 Sekunden, was für seine Größe und Gewicht einfach irrwitzig ist. Die Schlussfolgerung daraus ist, wiederum, ziemlich einfach: Mekhi Becton räumt seine Gegenspieler in der Vorwärtsbewegung mit einer schwer vorstellbaren Kraft aus dem Weg, dem wenige Gegenspieler etwas entgegensetzen können.
Ein Gegenbeispiel wäre der ehemalige Jet Brian Winters, der öfters Probleme im Run-Blocking auf Grund seiner fehlenden Masse hatte.

Was war von Mekhi Becton nicht unbedingt zu erwarten?
Viele Experte erwarteten vor der Saison, dass Mekhi Becton Probleme beim Pass-Blocking haben könnte. Vor allem, wenn er es mit Speed Rushern zu tun bekommt.
Hier kann man nochmal auf den Artikel von Marvin verweisen, der viele Pre-Draft Zitate beinhaltet, die genau das zeigen.

Aber warum war zu erwarten, dass er beim Pass-Blocking Probleme haben könnte? Das hat wieder zwei Gründe. Zum einen wieder das Scheme seines ehemaligen Colleges, das keine Pro-Style Offense spielt. Das bedeutet, es gibt viel weniger, klassische Pass-Blocking Situationen und somit weniger Gelegenheiten, Pass-Blocking zu trainieren und einzuüben.

Zum anderen hat es mit den Anforderungen beim Pass-Blocking im Vergleich zum Run-Blocking zu tun. Wie schon beschrieben, bewegt man sich beim Run-Blocking nach vorne und schiebt seinen Gegenspieler aktiv aus dem Weg. Man ist somit der agierende Spieler. Beim Pass-Blocking verhält sich das komplett anders. Man macht einen Schritt nach vorne, bringt sich in einen sicheren Stand (niedriger Körperschwerpunkt) und bewegt sich dann langsam als Einheit (die ganze O-line) schrittweise nach hinten und reagiert auf die Gegenspieler, die versuchen, den Quarterback zu erreichen und zu sacken. Man ist somit der reagierende Spieler. 

Als reagierender Spieler sind deine Masse und deine Geschwindigkeit nicht mehr die wichtigsten Attribute, denn es kommt ganz viel auf die Technik an. Du kannst durch einen niedrigen Körperschwerpunkt, gute Handarbeit (Hände von unten an das Shoulderpad und den Gegner nach oben schieben) und gute Bewegung in deinem sicheren Stand körperliche Nachteile ausgleichen. Außerdem sind dir deine Gegenspieler in Pass Rush Situationen körperlich so oder so unterlegen. Deswegen macht es keinen großen Unterschied, ob du 140 oder 160 Kilogramm wiegst, denn deine Gegenspieler versuchen durch Geschwindigkeit oder durch Moves zu gewinnen. Diesen Versuchen kann man sich in den meisten Fällen nur durch gute Technik erwehren. Mir persönlich ist Pass-Blocking deutlich einfacher gefallen, weil ich es meist geschafft habe, durch einen sicheren Stand und gute Hände die Gegner lang genug vom Quarterback fernzuhalten und meine körperliche Unterlegenheit oder der körperliche Gleichstand nicht die allergrößte Rolle gespielt hat. 

Warum beeindruckt hier Mekhi Becton und warum ist deshalb seine Leistung so hoch einzuschätzen? Das ist ganz einfach – er ist einfach in seiner Technik schon viel weiterentwickelt, als es alle Experten erwartet haben. Er bewegt sich gut, lässt sich nicht durch einfache Pass-Rusher Moves aussteigen (im Video der Spin (Drehung) von Joey Bosa) und arbeitet schon sehr gut mit seinen Händen.

Sicher ist hier noch nicht alles perfekt und es werden noch Fehler passieren, da man auch die Erfahrung als Faktor nicht unterschätzen darf. Aber wir haben einen Left Tackle mit Top 3 Potenzial, der uns schon in seiner ersten Saison ganz viel Spaß macht.

Vielen Dank fürs Lesen. Ich hoffe ich konnte euch das O-Line Play und Mekhi Bectons Leistung etwas näherbringen.

Matthias W.