Battleground Social Media

von Sebastian Strunk, 21.02.21

Die Diskussionskultur stirbt

Die Jets Fanbase ist tief gespalten. 

Ob bei Twitter, Facebook oder sonstigen digitalen Medien spürt man immer wieder, wie schnell einfachste Diskussionen eskalieren oder schon auf Eskalation ausgelegt sind. Jüngstes Beispiel sind zwei Lager: 

„Stick with Sam“ versus „New QB 2021“

Wer erwartet, dass ich nun den Schiedsmann spielen möchte, der beide Seiten vereint, der wird mit dieser Kolumne wohl nicht glücklich. Mir geht es darum, an ein wenig mehr Diskussionskultur zu appellieren. 

Woher das Gift in den heutigen Diskussionen kommt, ist verhältnismäßig offensichtlich: Das Footballteam, das wir alle verfolgen, ist mies. Erbärmlich. Eine sportliche Katastrophe über eine gesamte Dekade. Ich selber habe jede Saison intensiv verfolgt. Der Gamepass existiert schon über zehn Jahre und in dieser Zeit habe ich vier Jets Spiele live im Stadion verfolgt und in etwa auch die selbe Anzahl seit der 2009er Saison verpasst. Ja, tatsächlich. Selbst in Horrorjahren habe ich mir Nächte um die Ohren geschlagen und mausetote Teams mit Quarterbacks wie Tim Tebow, Geno Smith, Bryce Petty oder Luke Falk anschauen müssen.

Eine Veränderung hat sich in den letzten zehn Jahren aus sportlicher Sicht nicht abgezeichnet. Sicherlich kann man derzeit argumentieren, dass einiges gut läuft. Aber dennoch ist man ein 2-14 Team mit einem schwachen Kader, das man in den aktuellen (!) Power Rankings wohl nur schwer höher als 28 setzen kann. Das ist kein Pessimismus, sondern die objektive Realität. 

Vor dem Jahr 2015, in dem die Jets mit einem Patchworkkader ganz okay waren (10-6 ist gut, aber „keine Playoffs“ sind halt auch wieder keine erfolgreiche Saison), war NFL Football hierzulande eine Nische, die kaum jemanden interessiert hat. Die Anzahl an Interessenten ist eklatant gestiegen. Mit mehr Interessenten kommen natürlich auch mehr verschiedene Charaktere zusammen. Diese Sache an sich ist kein großes Problem. Man kann mit Fans in Kneipen oder am Stadion super diskutieren. In den allermeisten Fällen jedenfalls.

Anders sieht diese Welt in den „sozialen“ Medien aus. Genau das ist der Hauptfaktor, der in den letzten zehn Jahren die komplette Diskussionskultur vergiftet, obwohl es eigentlich für so gute Dinge genutzt werden könnte. Da heutzutage fast jeder entweder bei Twitter, Facebook, Instagram, WhatsApp und sonstigen Netzwerken aktiv ist, kann man auch sagen, dass dies die größte Veränderung in der Community ist. 
Und das Problem sind nicht die Netzwerke an sich, sondern schlicht und einfach: Nonverbale Kommunikation.

So viel zum Einstieg.

Das eigentliche Thema ist die aktuelle Gemütslage der Fanbase. 

Was ich häufig feststelle, ist, dass einige Diskussionen gestartet werden, ohne dass sich wirklich zum Ziel gesetzt wird, ein Thema ernsthaft zu besprechen. Es wird nach dem möglichst polemischen oder populistischsten Take gesucht bzw versucht, Leute mit anderen Ansichten gleich im Ausgangspunkt der Diskussion zu triggern oder zu provozieren.

Am aktuellen QB Beispiel: 
In einer Facebookgruppe sagt Person A mit dem Hintergedanken auf die QB Situation in einem Post: „Penei Sewell ist ein toller Spieler. Das wäre doch mit dem zweiten Pick eine super Idee.“ Die erste Antwort ist „Wir picken einen QB. Was soll diese ganze Sewell Scheiße?“. Dann die Antwort: Ein GIF. Ein kleines Mädchen mit einer Sonnenbrille und dem Schriftzug „Deal with it“. Fertig ist die Eskalation in drei Schritten. Andere Kommentare gehen in beide Richtungen und man pöbelt sich an, bis jemand schlichtet oder der Thread im Sande verläuft. Es war nie die ernsthafte Idee, den zweiten Pick mit Sinn und Verstand zu besprechen.
Und dies ist nur ein Beispiel. Solche Dinge passieren jeden Tag auf allen Kanälen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass häufig überhaupt kein Interesse mehr an sinnvollem, gesund emotionalem oder faktenorientiertem Austausch besteht. Es geht viel mehr um Recht haben, viele Likes bekommen, Followerapplaus, andere provozieren oder die plakative Darstellung seines eigenen Standpunktes als absolutes Nonplusultra.

Bei den Jets gibt es drei Hauptkategorien an Fans, die sich digital bewegen und auch diskutieren: 

  1. die Optimisten mit der Fanbrille, die gedanklich das Licht sehen und nie im Tunnel stecken
  2. kühle Realisten, die die Misserfolge sehen und negativ bewerten, aber ein Licht am Ende des Tunnels sehen
  3. Pessimisten, die von der Inkompetenz der letzten zehn Jahre resigniert im Tunnel feststecken

Viele werden bemerkt haben, dass der Hauptteil aus 1 und 3 bestehen. Somit hat man einen Zweikomponentensprengstoff. Das müsste natürlich nicht sein, denn Optimist oder Pessimist zu sein ist ja nicht per se falsch. Fanbrillen sind super und auch eine Resignation ist nachvollziehbar. In einer Kneipe würden sich beide Personen wahrscheinlich auf ein Bier und die tolle Saison 2010 einigen können. Man schaut sich ja in die Augen und sieht, dass beide ein Jets Cap tragen. Gemeinsamer Nenner. Zack. Läuft. Bier?

Nun begegnen sich die beiden aber in der digitalen Welt und beide starten mit dem Messer zwischen den Zähnen in die „Diskussion.“ Der Pessimist will seine negative Laune loswerden und nicht für sich behalten, während der Optimist kein gesteigertes Interesse daran hat, seine positive Sichtweise bröckeln zu lassen.
Was in der Diskussion nahezu nie eine Rolle spielt: Fakten. 

Es wäre so einfach. Man könnte sich an einen Tisch setzen und der, der argumentiert, dass man in diesem Fall Sam als Quarterback ersetzen sollte, kann seine Standpunkte darlegen. Ob mit Statistiken oder Meinungen. Niemand muss Experte sein.
Der andere könnte sagen, dass er an Sam festhält und seine Standpunkte darlegen und begründen. Auch dies muss natürlich nicht in perfekt analytischer Form vorgebracht werden.

Natürlich untermauern Fakten sämtliche Argumentationen, aber man ist Konsument und Fan dieser Sportart. Es ist ein Hobby. Man muss kein Experte sein. Mehr über sein Team, die QB Situation oder die Completion Percentage 2020 mit einer Clean Pocket zu wissen kann einem vielleicht die meisten Likes bringen. Aber beim nächsten Vorstellungsgespräch kommt man damit nicht sehr weit und bei der standesamtlichen Trauung will davon höchstwahrscheinlich auch keiner etwas wissen.

Aber bevor ich den Punkt verliere:

Die New York Jets haben in den letzten zehn Jahren unglaublich viel falsch gemacht. Die Fanbase kriecht auf dem Zahnfleisch und will endlich mal wieder etwas Freude. Dass es zu hitzigen Diskussionen kommt ist gut und ein Zeichen dafür, dass es viele, loyale Fans gibt, die der Organisation nicht den Rücken kehren, obwohl man überhaupt keine Bonbons mehr erhält. Unterhaltungen darüber, ob man ein „real fan“ ist, weil man auf eine andere Art mit Emotionen umgeht oder eine andere Erwartungshaltung hat sind spalterisch und kontraproduktiv.

Es wäre ratsam, sich wieder auf diesen Kern zu besinnen. Bei digitalen Diskussionen fehlt der Faktor Körpersprache. Ganz wichtig für die Kommunikation.
In der digitalen Welt sollte man das ständig im Hinterkopf behalten und vielleicht mal etwas mehr auf sein Gegenüber eingehen. Oder einfach mal nichts schreiben. Auch das ist ein plausibler Weg, wenn man eigentlich nichts beizutragen hat.
Man muss nicht zu allem eine Meinung haben. Und manchmal sind die anderen Argumente besser. Es ist nicht schädlich, das auch mal hinzunehmen.
Und wenn die eigenen Argumente besser sind, dann ist es auch unschädlich, nach dem Prinzip „der Klügere gibt nach“ zu verfahren. 

Wie dem auch immer sei. Mein Appell ist folgender:

Bei Diskussionen das Messer zwischen den Zähnen weglassen, die Scheuklappen ablegen, die persönliche Ebene (wenn man sich im echten Leben nicht kennt) vermeiden und nicht um jeden Preis am Ende der „Gewinner“ sein wollen.

In diesem Sinne: Jet Up!

Basti